APOTIPP
SCHWINDEL-
alles dreht sich!
An der Gleichgewichtswahrnehmung nehmen einige Sinnesorgane teil, die ein genaues Zusammenspiel erfordern, damit die richtigen Nervenimpulse zu verschiedenen Gehirnzentren weitergeleitet werden können und dadurch eine ungestörte Orientierung im Raum möglich wird.
1. Vestibuläres System: Gleichgewichtsapparat im Innenohr. Die drei Bogengänge sind mit einer Flüssigkeit gefüllt, die bei Bewegungen des Kopfes in Fluss gerät. Härchen, die in die Flüssigkeit reichen, werden erregt und diese Impulse an das Gleichgewichtszentrum im Stammhirn weitergeleitet.
2. Visuelles System: Das Auge vermittelt ein Abbild der Umwelt.
3.
Sensibles System: In Gelenken, Muskeln sind Fühler (Propriorezeptoren),
die über die Lage des Körpers im Raum, den Kontakt zum Boden informieren.
Wenn
die Informationen von diesen Sinnesorganen unkoordiniert zum Gehirn gelangen,
tritt dort das Gefühl „Schwindel“ auf, obwohl die Ursache in einem
anderen Teil des Organismus liegt. Als Folge von Vertigo können noch Übelkeit,
Taumeln, Schwarzsehen, Schweißausbrüche... dazukommen.
Die
Gehirnzentren der Raumorientierung sind eng mit dem limbischen System
verbunden, woraus sich Zusammenhänge von Schwindel und Angst ergeben.
Nach
Dauer:
1.
Sekundenschwindel (Lagerungsschwindel): oft nur
Sekundenbruchteile
2.
Anfallschwindel: Minuten bis Stunden
3.
Dauerschwindel: Tage bis Woche
Vielfältige
Ursachen
Harmloser, nicht organischer Drehschwindel entwickelt sich erst
beim Stehen bleiben nach intensiven Drehungen, weil sich die Flüssigkeit im
Innenohr noch weiterbewegt. Dadurch entstehen im Gehirn
Meldungen einerseits des Auges und der Körperwahrnehmung (Ruhe),
andererseits des Gleichgewichtsorganes(Bewegung), die nicht zusammen passen.
Krankhafter Drehschwindel:
Ausfall
des linken oder rechten Gleichgewichtsorganes, oder der Nervenleitungen.
Morbus
Meniere: durch eine chronische Unterversorgung des Innenohres mit Sauerstoff
und eine Störung der Flüssigkeitsbalance im Innenohr treten anfallsartige,
langandauernde Schwindelattacken mit Fallneigung, heftigen Augenbewegungen,
Ohrengeräuschen, Hörverminderung, Übelkeit,…auf
Schwindelzustände
bei Migräneerkrankungen
Entzündung (Labyrinthitis)
Lageabhängiger Schwindel:
Beim gutartigen Lagerungsschwindel lösen
sich in den Bogengängen Teilchen der Ohrsteine ab - sie schwimmen in der
Ohrflüssigkeit. Bei Lagerungswechsel geraten sie in Bewegung und lösen
dadurch in den Nervenleitungen falsche Reize aus.
Im Laufe des Alterns sterben immer
mehr Härchen im Ohr ab (von den ursprünglich 50.000 Haaren), sodass
mangelhafte Mitteilungen im Gehirn landen.
Störungen im visuellen System
Höhenschwindel: In der Ebene erkennen die Augen Schwankungen
des Körpers durch Veränderung naher Fixierungspunkte. Diese fallen in großer
Höhe aus, weil sie zu weit weg sind. Eine Angstreaktion, in die Tiefe zu
fallen, kommt noch dazu.
Nystagmus: krankhafte, nicht kontrollierbare Augenbewegungen
Brillenschwindel: anfängliche Unsicherheit bei neuen Augengläsern
mit einer anderen Brechkraft der Linsen.
Störungen im sensiblen System
Eine gestörte Körperwahrnehmung vor allem der Füße (z.B. bei
Polyneuropathie) führt zu Schwindelgefühlen mit Gangunsicherheiten besonders
im Dunklen, wenn auch der visuelle Sinn ausfällt.
Erkrankung der Halswirbelsäule führt oft zu einer Verspannung
der Nackenmuskulatur, die wichtig ist für das Gleichgewichtsgefühl, eine
Sauerstoffunterversorgung des Gehirns kann zusätzlich Schwindel hervorrufen.
Störungen
in den Gehirnzentren
Mangelhafte Durchblutung im Gleichgewichtszentrum des Gehirns.
Diese arteriosklerotischen Verengungen können Vorboten eines Schlaganfalles
sein!
Zentraler Lageschwindel: Schwindel nur bei einer bestimmten
Kopfstellung, weil im Gleichgewichtszentrum des Gehirns Störungen sind. z.B.
Hirnblutung, Infarkt, Tumor, Metastasen,…
Schwindel bei Reisekrankheit
Während
einer Reise mit dem Schiff, Auto oder Flugzeug nimmt das vestibuläre
Gleichgewichtssystem die Fahrbewegung wahr, das Auge aber bemerkt im Inneren
keine Bewegung. So kommt es zu Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Blässe,
kaltem Schweiß,…
Schwindel bei Herz- Kreislauferkrankungen
Mangelnde
Durchblutung des Gehirns durch Blutdruckabfall, erhöhten Blutdruck,
Herzrhythmusstörungen,…bewirken Schwindel mit Benommenheit,
Standunsicherheit, Ausfall des Sehsinnes oder der Ohren,…
Schwindel durch Alkoholismus
Alkohol
bewirkt eine Hemmung im Kleinhirn (Feinabstimmung von Auge- und Körperbewegungen)
und eine Veränderung in den Bogengängen, sodass bei einem Alkoholrausch der
schwankende Gang, Standunsicherheit, Schwindel, unkontrollierte Bewegungen-
auch der Zunge- erklärbar sind. Alkohol wirkt auch gefäßerweiternd und führt
zu Blutdrucksenkungen, dadurch kommt es zu einer Verstärkung des Schwindels.
Durch
Konditionierung können diese Symptome auch bei Abstinenz auftreten, diese lästigen
Zustände werden dann oft wieder mit Alkohol bekämpft, sodass alles nur noch
schlimmer wird.
Nebenwirkung
von Medikamenten
Antibiotika: beeinflussen das
Gleichgewichtsorgan
Antiepileptika, Tranquillizer: Stören Funktionen im Kleinhirn
Psychopharmaka, Schmerzmittel, Muskelrelaxantien,
Antihistaminika: Dämpfen das ganze Gehirn.
Diuretika, Antihypertensiva, Antivertiginosa: Mindern die
Sauerstoffversorgung im Gehirn.
Andere Medikamente: Kortikosteroide, Appetitzügler,
Digitalismittel,…lösen auf verschiedene Arten Schwindel aus.
Um die Nebenwirkungen von Medikamenten zu verringern, empfiehlt
es sich, dem Körper Zeit zur Anpassung zu geben, keine rasche Dosiserhöhung
vornehmen, eventuelle Überdosierungen mit dem Arzt besprechen.
Schreckreaktionen können zu Angstschwindel („ weiche Knie“)
führen, weil das parasympathische Nervensystem in diesen Situationen
dominiert.
Psychische Probleme (Angst, Depression,…), private Probleme
(Trennungen, berufliche Konflikte...) führen oft zu Schwindel, obwohl keine
Anzeichen einer Störung der Gleichgewichtsorgane vorhanden sind. „ der
Boden unter den Füßen wird weggezogen…“
Therapie
Bevor
symptomatisch „der Schwindel“ behandelt wird, sollte ein Arzt die
Grundkrankheit diagnostizieren und die auslösenden Ursachen behandeln.
Medikamente,
die bei einer Schwindelattacke schnell helfen, gibt es nicht. Es können nur
die Symptome wie Übelkeit, Angst,... rasch bekämpft werden und eine
verbesserte Gehirndurchblutung erreicht werden.
Antivertiginosa (Anti-Schwindelmittel): Dimenhydrinat (Vertirosan®,
TravelGum®, Emedyl®) oder CyclizinHCl (Echnatol®),
meist in Kombination mit Vitamin B12. Nur kurzfristig einnehmen, damit der
Erholungsprozess im Körper eingeleitet werden kann. Da diese Substanzen zur
Gruppe der H1- Antihistaminika gehören ist eine starke Sedierung möglich.
Nicht verwenden bei Lageschwindel!
Ingwerwurzelpräparate sind eine gute Alternative zu chemischen
Mitteln
Homöopathisch helfen Vertigoheel oder Cocculus am besten.
Bei Morbus Meniere verbessern H-1-Antagonisten, z.B. Betahistin (Betaserc®)
die Durchblutung des Innenohrs, sie vermindern auch die Produktion von
Innenohrflüssigkeit.
Antiemetika bei zusätzlichem Erbrechen
Ginkopräparate erhöhen die Gehirndurchblutung, sowie
Vasodilatanzien z.B. Cinnarizin (Stutgeron®, Cinnabene®, Pericephal®)
Tipps
Anfallsartiger Schwindel ist sehr lästig, aber meist nicht gefährlich,
deshalb sollte man ruhig bleiben, denn Angst oder Panik können den Zustand
verschlechtern.
Mit Hilfe eines Schwindeltrainings durch Gleichgewichtsschulung,
Fixationsübungen, Bewegungsreize,… soll der Betroffene lernen, dem
Schwindel aktiv entgegenzuwirken.
Gleichgewichtstraining ist in jedem Alter empfehlenswert. Kinder machen
das spielerisch durch Klettern auf Bäumen, Radfahren, Eislaufen, …
Auch Erwachsene können ihren Gleichgewichtssinn schulen durch
Balancieren auf dem Gehsteigrand, auf einer schmalen Mauer entlang gehen,
stehen auf einem Bein…
Außerdem gibt es spezielle Programme für Koordinationsübungen.
Schlafhygiene, Vermeiden von Stress und Lärm bewährt sich nicht nur
bei Morbus Meniere.
Bei Lagerungsschwindel (Teile von Ohrsteinchen lagern sich im Innenohr
ab) helfen heftige Drehungen des Kopfes, um die Teilchen herauszuschleudern.
Höhenschwindel beim Stehen auf einer Leiter oder im Gebirge ist eine
normale Reaktion auf die große Entfernung zwischen dem Stand am Boden und dem
Fixpunkt der Augen in der Tiefe. Deshalb: viele Nahziele mit den Augen
fixieren, für eine feste Standfläche der Füße sorgen, mit den Händen Halt
suchen.
Ein kurzes, bewusstes Fixieren eines Punktes wirkt bei Nystagmus sehr
beruhigend.
Bei Schmerzen in der Halswirbelsäule helfen Rückengymnastik, Massage,
Chiropraktik.
Bei Autofahrten soll nicht nur das Gleichgewichtsorgan im Ohr eine
Bewegung feststellen, sondern auch das Auge. Immer wieder aus dem Fenster
blicken und Fixierungspunkte suchen. Nicht lesen oder Gameboy -Spielen!
Wenn der Schwindel durch zu niedrigen Blutdruck ausgelöst wird, kann
man vorbeugend viel Bewegung, Sport betreiben und Wechselduschen machen. Außerdem
bewährt sich bei langem Stehen, mit den Füßen zu wippen, die Beine zu
bewegen, Kompressionsstrümpfe zu tragen, viel zu trinken auch Kaffee und
Cola. Üppige Mahlzeiten sollen vermieden werden, aber es darf ruhig etwas
mehr gesalzt werden!
Bei einem drohenden Kollaps bei niedrigem Blutdruck sofort hinlegen!
Beine nach oben z.B. „Radfahren“, nur normal atmen, keine Panik aufkommen
lassen!
Führen eines Schwindeltagebuches: jede Attacke soll darin mit Datum,
Uhrzeit, sowie Art, Dauer und Stärke eingetragen werden. Sollten auch Auslöser
(Kopfbewegung, visuelle Reize, Aufstehen aus der Ruhelage...) bekannt sein,
bitte eintragen. Begleitende Beschwerden
(Übelkeit, Augenflimmern, Kopfschmerz, Blutdruckveränderungen…) ergeben
wichtige Zusatzinformationen, die der Arzt für eine genaue Diagnose und
Therapie verwenden kann.
Jeder Schwindelanfall, der intensiv oder lang anhaltend war, sollte
zuerst mit dem Hausarzt besprochen werden, der eine Überweisung zum
Neurologen, HNO-Arzt, Augenarzt oder Internist schreiben kann.
Wenn Kinder über Schwindel klagen, sollte auf jedem Fall eine ärztliche
Untersuchung erfolgen, außer sie haben sich gerade erst im Karussell gedreht.
Die Ursachen bei Altersschwindel sind meist vielfältig: mangelhafte
Durchblutung des Gehirns, Schädigung des Gleichgewichtsapparats im Innenohr,
die Koordination im Gehirn funktioniert meist nicht mehr gut.
Ein Gehstock hilft bei Gangunsicherheit, weil die Hände Kontakt zum
Boden bekommen.
Ich hoffe, dass Ihnen beim
Lesen nicht „schwindlig“ geworden ist, sondern, dass sie bald wieder
„mit beiden Beine im Leben“ stehen werden.